Vor wenigen Monaten fesselten mich schlechte Gedanen und tiefe Unzufriedenheit an eine unangenehme Lebenssituation. Das geht jetzt mehr und mehr vorbei. Ich habe in dieser Zeit ein wenig was gelernt - v.a. über die Herkunft von Entscheidungen, Sichtweisen und vermeintlichen Missgeschicken.
Meine Probleme hatten oberflächlich viel mit dem Studium zu tun. Ich habe kaum gelernt, meine Tage am Computer verbraucht, jegliche Vorträge versaut und viele Seminare versäumt. All das nur aufgrund eines Gefühls: tiefsitzender Unsicherheit, die sich selbstverstärkend durch dauernde Misserfolge hochschaukelte.
Mir kam es vor, als wäre das Leben ein Minenfeld und ich müsse jeden Schritt, den ich tätige, vorher durch ewiges Grübeln absegnen. Ich kam nicht mehr von der Stelle, in keine einzige Richtung. Aus der Angst heraus, dass alles um mich herum unbetretbarer Boden wäre, blieb ich sitzen, isolierte mich von den Tänzern auf der Wiese und fürchtete mich unentwegt. Ich hatte aufgehört an mich zu glauben.
Vielleicht klingt das schrecklich, aber Selbstliebe ist wichtig für ein erfülltes Leben. Selbstliebe heißt nicht den Spiegel am Morgen nicht mehr aus den Augen lassen zu wollen. Selbstliebe hat auch nichts damit zu tun, dass man sich über andere stellt - Selbstliebe schließt sogar die Liebe zu anderen ein. Wenn man es schafft sich selbst mit all seinen “Fehlern” und Eigenheiten zu lieben, kann man auch alles um sich herum lieben. Das wiederum klingt esoterisch und abgehoben, aber diese Befreiung von schlechten Ansichten und Strafen, die man sich selbst auferlegt, eröffnet einem die Möglichkeit vielen Dingen verständnisvoller, ohne Wut, Zweifel, Enttäuschung oder anderen negativen Gefühlen entgegenzutreten. Die Gefühle, die wir mit uns selbst verbinden, bestimmen unsere Weltsichten, Entscheidungen und Handlungen. Jeden Morgen zu spät aus dem Bett kommen war und ist bei mir ein Zeichen von Unzufriedenheit und Ablehnung. Da ich z.B. Vorlesungen und Seminare gehasst habe - dort saßen all die Kommilitonen, denen ich nicht unter die Augen treten wollte; die “Guten” - , verschlief ich öfter mal oder ging viel zu spät schlafen. Jetzt, wenn ich mit Freunden zusammen lerne, habe ich keine Angst vor den Seminaren mehr, gehe gerne hin und komme nie zu spät. Und naja - Vorlesungen finde ich schlichtweg langweilig. Schlafen macht mehr Spaß!
Unser alltägliches Verhalten hat viel mit Tiefenpsychologie zu tun. Wenn etwas nicht gut läuft und es dich Tag für Tag niederschlägt, musst du dich dafür nicht schelten. Du musst dich hinsetzen und dich fragen: “Was passiert da mit mir? Wo kann ich mir nicht verzeihen? Welchen Charakterzug von mir möchte ich nicht akzeptieren?” Finde deine “Fehler” und liebe sie. Versuch sie nicht zu ändern, versuch dich - deine Einstellung - zu ändern und die Probleme, die mit dem vermeintlichen “Fehler” verbunden waren, werden verschwinden. Die letzten Monate stritt ich mich häufiger mit meinen Eltern. Das hat mich belastet. Ich dachte meine Eltern erwarten von mir große Leistungen. Das war reine Projektion. Ich habe Erfolge von mir selbst erwartet, nichts auf die Reihe bekommen und mich versteckt. Ich habe gelogen, dass alles gut läuft und weil es nicht so war hatte ich dabei ein schlechtes Gewissen und Angst, dass alles auffliegt. Jetzt, wo ich mir selbst verzeihen kann, dass ich kein Überflieger bin und sogar 2 Semester wiederholen muss, habe ich kein problematisches, gereiztes Verhältnis zu meinen Eltern mehr.
Ich fühle mich langsam wie ein Messias, wenn ich über das Geschriebene nachdenke, aber ich will diese Erfahrung einfach teilen: die meisten Probleme im Leben löst man, indem man mit sich selbst ins Reine kommt. Das geht natürlich nicht von jetzt auf morgen und auch nicht in jedem Lebensaspekt. Wenn man sich aber bei jedem Gedanken wie “ach scheiße, warum habe ich Volltrottel diesen Tag nicht effektiv gelernt?!” stoppt und die Perspektive ändert, dann wird man langsam aber sicher mit sich selbst und der Welt umgehen lernen. Auch in sich hineinhorchen und auf seine seelischen Wunden, an denen man unaufhörlich kratzt, ein Pflaster kleben und die Finger von der Stelle zu lassen, hilft. Wenn die Möglichkeit gegeben ist, positiv zu denken, den positiven Gedanken zu wählen. Das klingt kitschig, unrealistisch und naiv, aber wäre es haltlos, dann würde ich jetzt andere Saiten spielen.
Wer zur Zeit keinen Ausweg aus seiner Situation sieht, dem empfehle ich viel zu reden, schreiben, sich neutral mit sich selbst zu beschäftigen, Vertrauenspersonen seine Probleme zu offenbaren(auch wenn das für die manchmal sehr anstrengend ist - danke), auf einen sauberen Schnitt hinzuarbeiten (bei mir war es das Durchfallen durch die Semesterklausuren) und ab diesem sauberen Schnitt viel zu machen, worauf man Lust hat. Rausgehen, reisen, die Seele baumeln lassen, malen/musizieren/whatnot und alles, was einen belastet, zur Nebensache zu machen(z.B. bei mir das Studium als wichtigste Nebentätigkeit betrachten - aber nicht als den wichtigsten Teil meines Lebens). Mir persönlich hat auch das oberflächliche Lesen von Louise Hays “Gesundheit für Körper und Seele” geholfen, denn ich kannte vorher diese Perspektive der Selbstachtung nicht. Zwar habe ich all die Übungen etc. in diesem Buch nicht durchgeführt, der Grundgedanke half mir aber trotzdem weiter.